Plumpe Kapitalismusverteidigung
Werner Plumpe ist, das kann man aus seinen Publikationen und seinen Schwerpunktthemen herauslesen, Sozialdemokrat. Als solcher hat er eine Erbkrankheit der Arbeiterbewegung im Gepäck, die David Graeber als „Produktivismus“ bezeichnen würde (und die man sehr wohl als Erbin der Arbeiterbewegung abschütteln kann) und den wir in einer Ausprägung auch bei SozialistInnen und KommunistInnen (exemplarisch in der Neuen Ökonomischen Politik, NÖP, Lenins) und auch bei libertären KommunistInnen – wie Michael Seidmann dargelegt hat – finden können, der in seiner allgemeinen Ausprägung aber entscheidend für den Kapitalismus ist, selbst dann, wenn sich in einer Überakkumulationssituation zu viele nicht verkaufbare Produkte ansammeln. Plumpes Argumentation in seinem Krisen-Büchlein und gegen Graeber ist letztlich dieselbe: Der Kapitalismus habe sich, auch wenn durch Krisen unterbrochen, als leistungsfähig und vorteilhaft erwiesen. Graebers Kritik sei zwar richtig, aber einseitig.
In diesem Sinne redet Plumpe die aktuelle Weltwirtschaftskrise klein: Die Weltwirtschaftskrise von 1929ff. sei nur deswegen so groß und umfassend gewesen, weil sie nicht allein der kapitalistischen Dynamik gehorche, sondern dieses durch den Ersten Weltkrieg (und dann auch durch den Zweiten Weltkrieg) eine anormale Störung erlitten habe – seit 1973 sei nun alles wieder normal, die aktuelle Krise könne nicht so schlimm sein. Das verkennt völlig, dass insbesondere der Zweite Weltkrieg keine Störung, sondern eine Folge kapitalistischer Dynamik war, es verkennt weiterhin völlig, dass die Krisen in den großen Zyklen sich eher ausweiten, es verkennt völlig, dass die aktuelle Krise von ihrer Grundstruktur eher mit der Krise von 1871 als mit jener von 1929 vergleichbar ist und es verkennt völlig, dass wir es mit einer globalen Krise zu tun haben, die 1973 bereits begann, durch die neoliberalen Experimente (Blasen) immer wieder aufgeschoben wurde, wesentlich globaler und umfassender ist und wesentlich größer als die Krise von 1929. Es ist letztlich auch zynisch, denn in Plumpes Sommergewitter treffen die Blitze wesentlich mehr Menschen, als dies bei einem realen Gewitter der Fall wäre. Der Unterschied zur Marxschen Theorie liegt erstaunlicherweise darin, dass Marx‘ Theorie auf einer Moral und auf einem zwischenmenschlichen Mitgefühl basierte, während Plumpes Argumentation allein auf das Motiv Effektivität zielt, mithin eine utilitaristische ist – ein bisschen Schwund ist halt immer.
Ganz im Gegensatz zu Ingo Stützle in der AK 572 findet Werner Plumpe bei David Graeber folglich zu viel Marx. Das liegt schlicht daran, dass Stützle einen wissenschaftlichen Marx heranzieht, hinter dessen Thesen Graeber zurückfalle, während Plumpe einen moralisch-politischen Marx vor Augen hat, der den Kapitalismus letztlich doch irgendwie überwinden will. Ansonsten ist Plumpes Kritik an David Graeber letztlich die klassische Sammlung von Vorurteilen gegen den Anarchismus: Ihr wollt zurück in die Steinzeit (oder ins Mittelalter), ihr bewertet die Kultur im Vergleich zur Ökonomie zu hoch, ihr habt keine Alternativen, und wenn doch, dann ist das eh nur Chaos.
Nun haben wir es bei Werner Plumpe mit dem Vorsitzenden des deutschen Historikerverbandes zu tun und da sollte man, über ideologische oder politische Grenzen hinweg, doch durchaus auch eine fundierte Kritik erwarten – und auch die gibt es. Sicher kann man im Kapitalismus auch positive Entwicklungen (die nicht linear oder „fortschrittlich“ sein müssen) finden, Karl Marx und Friedrich Engels hatten im Manifest der Kommunistischen Partei ein entsprechendes „Lob der Bourgeoise“ verfasst. Graeber argumentiert im Gegensatz dazu in der Tat einseitig und setzt bestimmte Grundvoraussetzungen, die keine weitere Erklärung finden. Wenn Graeber argumentiert, dass ein staatliche Münzgeldhunger die soziale Ungleichheit auslöse und münzgeldlose Wirtschaft zurück zu einer Ökonomie des gegenseitigen Vertrauens führe, warum hat dann der sogenannte „Finanzkapitalismus“ nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems nicht eine entsprechende Folge? Und in diesem Sinne ist für Graeber alles staatliche und kapitalistische Handeln immer nur Gewalt – Graeber ist (und auch darin ist er klassischer Anarchist) ein Verfechter der Repressionshypothese. Das ist zu einfach.
Gerade den Vorwurf der Einseitigkeit kann man allerdings Werner Plumpe direkt zurückgeben, denn schließlich ist er auch nicht gerade beredt, was die Schattenseiten des Kapitalismus betrifft. Das hat letztlich darin seinen Grund, dass auch Plumpe Setzungen, wie er sie Graeber vorwirft, macht. Und zwar fatale, weit tiefergehende: Die erste ist eine Ausblendung der ökologischen Dimension. Eine Wirtschaftsform die Leistungen steigert, die Wachstum fördert, ist für Plumpe eine gute. Dass dieses Wachstum endlich ist und wir mit dieser produktivistischen Ideologie unsere eigene Lebensgrundlage zerstören, ist für Graeber relevant, Plumpe glaubt schlicht daran, es könne ewig so weiter gehen. Zweitens argumentiert Plumpe, dass es „zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des gegenwärtigen Kapitalismus reale Alternativen nicht gibt“. Dieser Variante der von Thatcher stammenden TINA-Doktrin kann man mit David Graeber entgegenhalten: „Aus historischer Perspektive ist das lächerlich. Wann sind gesellschaftliche Veränderungen je nach einem Plan zustande gekommen? Es war doch nicht so, dass sich im Florenz der Renaissance ein kleiner Kreis von Visionären zusammengesetzt und etwas erfunden hätte, was sie Kapitalismus nannten […]“ (Inside Occupy, S.180). Der Punkt ist doch vielmehr, dass Kapitalismus keine Alternative ist und das niemand diese Leistungsfähigkeit braucht.
Drittens, und dieser Aspekt ist der relevanteste und tiefgehenste, hält Plumpe den Massenkonsum für den Kern des Kapitalismus. Da hilft nun nicht mehr Graeber, da hilft nur noch Marx. Dass der Konsum im Mittelpunkt des Kapitalismus steht, ist ein Schwachsinn, der uns tagtäglich tausendfach um die Ohren gepfeffert wird, der aber nun wirklich eines Historikers unwürdig ist. Diese ungeprüfte Position erklärt allerdings den Produktivismus Plumpes. Wenn die Produktion lediglich ein Mittel zum Zweck, für den Konsum ist, dann wird das Geschrei nach Leistung, Leistung, Leistung! verständlich. Im Kapitalismus geht es aber nicht um Konsum, und schon gar nicht um Massenkonsum (wenn ein paar Reiche entsprechend viel konsumieren, funktioniert das genauso gut!), sondern um Akkumulation, also um eine dem Kapitalismus immanente, strukturelle und nicht an Einzelpersonen gebundene Profitgier.
