Plumpe Kapitalismusverteidigung

Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker und Autor der passend zur Krise erschienenen Beckschen EinfĂŒhrung in die Wirtschaftskrisen, hat Graebers Buch "Schulden. Die ersten 5.000 Jahre" in der FAZ vom 15. Mai 2012 ausfĂŒhrlich diskutiert. Die FAZ hat hier, nach langen Irrreisen durch ihr eigentlich unbekanntes linkes Fahrwasser, wieder zu ihrem konservativen Leitbild gefunden: Der Kapitalismus ist so böse nicht. Werner Plumpe hatte in seiner Geschichte der Wirtschaftskrisen argumentiert, dass die Krise zum Kapitalismus gehöre „wie Gewitter zu einem heißen Sommertag“. In gewisser Weise widerspricht dies keineswegs der klassischsten aller Krisentheorien, der Marxschen Überakkumulationstheorie. Marx selber kommt zwar in Plumpes EinfĂŒhrung nur am Rande zur Sprache, wohl aber zahlreiche von ihm inspirierte Krisentheoretiker. Der Unterschied ist schlicht: Marx erwartete von der latenten Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, dass dieser irgendwann scheitere, Plumpe glaubt an einen immerwĂ€hrenden Zyklus, der eigentlich von ProsperitĂ€t und Wachstum geprĂ€gt ist – in dem die Krise letztlich nicht weiter stört.

Werner Plumpe ist, das kann man aus seinen Publikationen und seinen Schwerpunktthemen herauslesen, Sozialdemokrat. Als solcher hat er eine Erbkrankheit der Arbeiterbewegung im GepĂ€ck, die David Graeber als „Produktivismus“ bezeichnen wĂŒrde (und die man sehr wohl als Erbin der Arbeiterbewegung abschĂŒtteln kann) und den wir in einer AusprĂ€gung auch bei SozialistInnen und KommunistInnen (exemplarisch in der Neuen Ökonomischen Politik, NÖP, Lenins) und auch bei libertĂ€ren KommunistInnen – wie Michael Seidmann dargelegt hat – finden können, der in seiner allgemeinen AusprĂ€gung aber entscheidend fĂŒr den Kapitalismus ist, selbst dann, wenn sich in einer Überakkumulationssituation zu viele nicht verkaufbare Produkte ansammeln. Plumpes Argumentation in seinem Krisen-BĂŒchlein und gegen Graeber ist letztlich dieselbe: Der Kapitalismus habe sich, auch wenn durch Krisen unterbrochen, als leistungsfĂ€hig und vorteilhaft erwiesen. Graebers Kritik sei zwar richtig, aber einseitig.

In diesem Sinne redet Plumpe die aktuelle Weltwirtschaftskrise klein: Die Weltwirtschaftskrise von 1929ff. sei nur deswegen so groß und umfassend gewesen, weil sie nicht allein der kapitalistischen Dynamik gehorche, sondern dieses durch den Ersten Weltkrieg (und dann auch durch den Zweiten Weltkrieg) eine anormale Störung erlitten habe – seit 1973 sei nun alles wieder normal, die aktuelle Krise könne nicht so schlimm sein. Das verkennt völlig, dass insbesondere der Zweite Weltkrieg keine Störung, sondern eine Folge kapitalistischer Dynamik war, es verkennt weiterhin völlig, dass die Krisen in den großen Zyklen sich eher ausweiten, es verkennt völlig, dass die aktuelle Krise von ihrer Grundstruktur eher mit der Krise von 1871 als mit jener von 1929 vergleichbar ist und es verkennt völlig, dass wir es mit einer globalen Krise zu tun haben, die 1973 bereits begann, durch die neoliberalen Experimente (Blasen) immer wieder aufgeschoben wurde, wesentlich globaler und umfassender ist und wesentlich grĂ¶ĂŸer als die Krise von 1929. Es ist letztlich auch zynisch, denn in Plumpes Sommergewitter treffen die Blitze wesentlich mehr Menschen, als dies bei einem realen Gewitter der Fall wĂ€re. Der Unterschied zur Marxschen Theorie liegt erstaunlicherweise darin, dass Marx‘ Theorie auf einer Moral und auf einem zwischenmenschlichen MitgefĂŒhl basierte, wĂ€hrend Plumpes Argumentation allein auf das Motiv EffektivitĂ€t zielt, mithin eine utilitaristische ist – ein bisschen Schwund ist halt immer.

Ganz im Gegensatz zu Ingo StĂŒtzle in der AK 572 findet Werner Plumpe bei David Graeber folglich zu viel Marx. Das liegt schlicht daran, dass StĂŒtzle einen wissenschaftlichen Marx heranzieht, hinter dessen Thesen Graeber zurĂŒckfalle, wĂ€hrend Plumpe einen moralisch-politischen Marx vor Augen hat, der den Kapitalismus letztlich doch irgendwie ĂŒberwinden will. Ansonsten ist Plumpes Kritik an David Graeber letztlich die klassische Sammlung von Vorurteilen gegen den Anarchismus: Ihr wollt zurĂŒck in die Steinzeit (oder ins Mittelalter), ihr bewertet die Kultur im Vergleich zur Ökonomie zu hoch, ihr habt keine Alternativen, und wenn doch, dann ist das eh nur Chaos.

Nun haben wir es bei Werner Plumpe mit dem Vorsitzenden des deutschen Historikerverbandes zu tun und da sollte man, ĂŒber ideologische oder politische Grenzen hinweg, doch durchaus auch eine fundierte Kritik erwarten – und auch die gibt es. Sicher kann man im Kapitalismus auch positive Entwicklungen (die nicht linear oder „fortschrittlich“ sein mĂŒssen) finden, Karl Marx und Friedrich Engels hatten im Manifest der Kommunistischen Partei ein entsprechendes „Lob der Bourgeoise“ verfasst. Graeber argumentiert im Gegensatz dazu in der Tat einseitig und setzt bestimmte Grundvoraussetzungen, die keine weitere ErklĂ€rung finden. Wenn Graeber argumentiert, dass ein staatliche MĂŒnzgeldhunger die soziale Ungleichheit auslöse und mĂŒnzgeldlose Wirtschaft zurĂŒck zu einer Ökonomie des gegenseitigen Vertrauens fĂŒhre, warum hat dann der sogenannte „Finanzkapitalismus“ nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems nicht eine entsprechende Folge? Und in diesem Sinne ist fĂŒr Graeber alles staatliche und kapitalistische Handeln immer nur Gewalt – Graeber ist (und auch darin ist er klassischer Anarchist) ein Verfechter der Repressionshypothese. Das ist zu einfach.

Gerade den Vorwurf der Einseitigkeit kann man allerdings Werner Plumpe direkt zurĂŒckgeben, denn schließlich ist er auch nicht gerade beredt, was die Schattenseiten des Kapitalismus betrifft. Das hat letztlich darin seinen Grund, dass auch Plumpe Setzungen, wie er sie Graeber vorwirft, macht. Und zwar fatale, weit tiefergehende: Die erste ist eine Ausblendung der ökologischen Dimension. Eine Wirtschaftsform die Leistungen steigert, die Wachstum fördert, ist fĂŒr Plumpe eine gute. Dass dieses Wachstum endlich ist und wir mit dieser produktivistischen Ideologie unsere eigene Lebensgrundlage zerstören, ist fĂŒr Graeber relevant, Plumpe glaubt schlicht daran, es könne ewig so weiter gehen. Zweitens argumentiert Plumpe, dass es „zur wirtschaftlichen LeistungsfĂ€higkeit des gegenwĂ€rtigen Kapitalismus reale Alternativen nicht gibt“. Dieser Variante der von Thatcher stammenden TINA-Doktrin kann man mit David Graeber entgegenhalten: „Aus historischer Perspektive ist das lĂ€cherlich. Wann sind gesellschaftliche VerĂ€nderungen je nach einem Plan zustande gekommen? Es war doch nicht so, dass sich im Florenz der Renaissance ein kleiner Kreis von VisionĂ€ren zusammengesetzt und etwas erfunden hĂ€tte, was sie Kapitalismus nannten [
]“ (Inside Occupy, S.180). Der Punkt ist doch vielmehr, dass Kapitalismus keine Alternative ist und das niemand diese LeistungsfĂ€higkeit braucht.

Drittens, und dieser Aspekt ist der relevanteste und tiefgehenste, hĂ€lt Plumpe den Massenkonsum fĂŒr den Kern des Kapitalismus. Da hilft nun nicht mehr Graeber, da hilft nur noch Marx. Dass der Konsum im Mittelpunkt des Kapitalismus steht, ist ein Schwachsinn, der uns tagtĂ€glich tausendfach um die Ohren gepfeffert wird, der aber nun wirklich eines Historikers unwĂŒrdig ist. Diese ungeprĂŒfte Position erklĂ€rt allerdings den Produktivismus Plumpes. Wenn die Produktion lediglich ein Mittel zum Zweck, fĂŒr den Konsum ist, dann wird das Geschrei nach Leistung, Leistung, Leistung! verstĂ€ndlich. Im Kapitalismus geht es aber nicht um Konsum, und schon gar nicht um Massenkonsum (wenn ein paar Reiche entsprechend viel konsumieren, funktioniert das genauso gut!), sondern um Akkumulation, also um eine dem Kapitalismus immanente, strukturelle und nicht an Einzelpersonen gebundene Profitgier.

Kommentare

Ich habe einen Nachtrag zu meiner ak-Besprechung geschrieben: http://www.stuetzle.in-berlin.de/2012/05/nachtrag-zur-graeber-besprechung/
#1 is am 29.05.2012 19:17 (Antwort)

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